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Familiäre Gewalt gegen Mädchen und Frauen
Was Politik, Gesellschaft und Religion tun können
Da ist zunächst der kulturelle Kontext. Die Politologin und Deutsch-Afghanin, Latifa Kühn, wies darauf hin, wie zentral der Familienzusammenhalt und die Verwurzelung in der eigenen Familie im afghanischen Kontext gesehen wird. Da ist zudem eine verbreitete Scheu vieler Migrantenfamilien vor Behörden und staatlichen Organen. Behörden lösen Ängste aus.
Da ist schließlich die Angst vor Isolation, die mit dem Gang ins Frauenhaus und dem Aufbau einer neuen Identität verbunden ist. „Wohin sollen wir die Mädchen denn schicken“, fragte die Mitarbeiterin eines Frauenhauses, "wenn sie einige Tage bei uns verbracht haben und der Schmerz und die Einsamkeit in der fremden Umgebung übergroß werden?"
Welches heranwachsende Mädchen ist bereit und in der Lage, sich konsequent von der eigenen Familie zu trennen und eine neue Identität aufzubauen? „Ich habe Verständnis dafür, wenn Mädchen und Frauen diesen Schritt nicht schaffen“, sagte Hella Hinrichsen, Pastorin im Sperrgebiet, einer Einrichtung des Diakonie-Hilfswerk Hamburg. Von außen sei es leicht, diesen Schritt zu fordern, die Realität sehe aber leider oft anders aus.
Martina Felz vom Referat Opferschutz der Sozialbehörde ergänzte, dass die Zahl der von Gewalt betroffenen Frauen mit Migrationshintergrund im Verhältnis zu deutschen Vergleichsgruppen überproportional hoch ist. Hierfür gäbe es vielschichtige Gründe, wie z.B. ein patriarchalisches Rollenverständnis gegenüber Frauen, welches ggf. mit Mitteln der Gewalt von männlichen Familienangehörigen und Ehemännern durchgesetzt und kontrolliert werde.
Pauschale Zuschreibungen und die Reduzierung der Problematik auf bestimmte Nationalitäten und den Islam seien aber nicht hilfreich. Allerdings wolle sie nicht verneinen, dass der „Ehrbegriff“, wie er in manchen Familien verstanden wird, Teil des Problems sei. Manchmal müsse deshalb auch die Familie als „Sicherheitsrisiko“ gesehen werden. Zudem hält sie „kulturspezifische Täterarbeit für absolut notwendig“.
Im Rahmen einer über 1 ½ stündigen Diskussion, die die Journalistin Kathrin Erdmann leitete, wurden immer wieder Vorschläge zur Verbesserung der Situation gemacht: Wohnprojekte etwa für von Zwangsverheiratung und häuslicher Gewalt betroffene Mädchen und Frauen oder Kulturvermittler, die leichter Zugang zu den Familien von Migranten bekommen könnten.
Die Turkologin und Frauenbeauftragte der Schura, des Rates der islamischen Gemeinschaften in Hamburg, Özlem Nas, schlug vor, stärker an die Schulen heranzutreten und Initiativen und Projekte zu gestalten, in denen Aufklärung und Information zur häuslichen Gewalt geboten werde. Gleichzeitig bot sie an, als Ansprechpartnerin für Frauenhäuser und Opferschutzeinrichtungen zur Verfügung zu stehen, wenn muslimische Frauen betroffen seien. Die von hoher Sachkompetenz auf dem Podium und im Publikum gekennzeichnete Diskussion war erfreulich frei von Pauschalzuschreibungen und Schuldzuweisungen. Es wurde deutlich, dass in einer multikulturellen Gesellschaft nur die gemeinsamen Anstrengungen aller zum Ziel führen können.
"Was wir brauchen ist kein Kampf der Kulturen", so Latifa Kühn, "sondern eine Überwindung der gesellschaftlichen Trennungen." Hier trage die ganze Gesellschaft Verantwortung, etwa auch die Stadtplanungsbehörde, wenn es um die oft gänzlich separaten Wohnkulturen verschiedener Stadtteile gehe.
Die Podiumsdiskussion hat Mut gemacht, den oft mühevollen, aber notwendigen Weg zum Schutz von Mädchen und Frauen in dieser Stadt weiterzugehen.
Unterschiedliche gesellschaftliche Gruppierungen dürfen sich nicht auseinander dividieren oder gegeneinander ausspielen lassen. Das ist nicht zuletzt auch ein wichtiges Signal für alle, die Gewalt gegen Frauen und Mädchen nach wie vor als legitim oder verzeihlich ansehen. Der Fall Morsal O. hat erneut gezeigt, dass eine solche Haltung völlig indiskutabel ist: Ein gesellschaftlicher Konsens, der in der Praxis noch stärker genutzt werden sollte.
Bericht zur Podiumsdiskussion über Familiäre Gewalt gegen Mädchen und Frauen am 4. Juni 2006 im Dorothee-Sölle-Haus Hamburg. Teilnehmende: Latifa Kühn, Özlem Nas, Kathrin Erdmann, Hella Hinrichsen und Martina Felz.
Dr. Detlef Görrig, Referat christlich-islamischer Dialog, NMZ.
Veranstalter: Differenziertere Sicht auf Umbrüche in arabischer Welt gewonnen
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Direkter Kontakt
Pastor Dr. Detlef Görrig
Beauftragter für christlich-islamischen Dialog der Nordelbischen Ev.-luth. Kirche (NEK)
Tel.: 040 88181-140
d.goerrig@
Pastorin Hanna Lehming
Beauftragte für christlich-jüdischen Dialog der Nordelbischen Evangelisch-luth. Kirche (NEK)
Tel.: 040 88181-224
h.lehming@




